Castel Badia: Alt. Neu.

Castel Badia nahe Bruneck wieder eröffnet – und spielt seine Vergangenheit nicht als Deko aus, sondern als Widerstand im Raum. Um das Jahr 1000 errichtet, später Benediktinerinnenkloster, wird das Ensemble heute als Boutique-Hideaway mit 29 Zimmern und Suiten betrieben. Null17 verantwortet die Restaurierung, Droulers die Interieurs; Fresken, mittelalterliche Fenster und „museal kuratierte“ Bereiche sollen bewusst erhalten bleiben.

2025 hat Castel Badia nahe Bruneck seine Tore wieder eröffnet: als Boutique-Hideaway mit 29 Zimmern und Suiten, Spa in historischem Gewölbe und einem kulinarischen Konzept unter Chefkoch Alberto Toè. Hinter dem Projekt steht eine Partnerschaft um Hotelier Aldo Melpignano, die Kronplatz Group sowie die Familien Gasser und Knötig – und damit der Versuch, ein über tausend Jahre altes Wahrzeichen in Gegenwart zu übersetzen, ohne es zu glätten.

Ein mittelalterliches Fenster, schmal wie ein Einschnitt, rahmt das Tal wie ein Bild. Draußen Dolomiten. Drinnen Stein. Und dazwischen: ein Hotel, das sich auf Geschichte beruft, während es sie bewohnbar macht.

Restaurierung als Verhandlung

Castel Badia trägt sein Alter nicht wie Schmuck, eher wie eine Verantwortung, die man nicht einfach abstauben kann. Um das Jahr 1000 errichtet, später Benediktinerinnenkloster – eines der ersten Frauenklöster der Region –, war der Bau über Jahrhunderte ein Ort von Ordnung, Disziplin, Heilwissen und dem stillen Alltag, der nicht in Prospekte passt. Dass das Tal bis heute seinen Namen trägt, Gadertal/Val Badia, ist mehr als Folklore: Es ist die Erinnerung daran, dass Gebäude hier nicht Kulisse waren, sondern Taktgeber.

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Die Restaurierung durch Null17, ergänzt durch Interieurs des mailändischen Studios Droulers, beschreibt sich als „behutsam“ – ein Wort, das oft zu schnell gesagt ist. Entscheidend wird es dort, wo diese Behutsamkeit sichtbar werden muss: bei erhaltenen Fresken, bei mittelalterlichen Fenstern, bei den „museal kuratierten Bereichen“, die laut Ankündigung bewusst bewahrt wurden. Bewahren heißt in einem Hotel aber immer auch: auswählen. Was darf erzählen, was wird zum Hintergrund? Das ist keine Moralfrage, sondern eine Frage von Haltung – und von Raum. In Castel Badia scheint diese Haltung darauf zu zielen, historische Substanz nicht zu übertönen, sondern sie als Widerstand in die Gegenwart mitzunehmen: Naturhölzer, Samtstoffe, warme Dolomitenfarben als neue Schicht, die nicht so tut, als wäre sie schon immer da gewesen.

Still. Alt. Neu. Und genau nach diesem Dreiklang entsteht die Spannung, in der ein tausendjähriger Bau plötzlich wieder relevant wird – nicht als Denkmal mit Schlüsselbund, sondern als Ort, der den Preis der Behaglichkeit offen zeigt: Material, Zeit, Eingriff.

Zimmer mit Biografie, nicht mit Blaupause

29 Zimmer und Suiten, jedes mit eigener „Persönlichkeit“, so lautet das Versprechen. Übersetzt heißt das: keine serielle Hotelroutine, sondern unterschiedliche Blickachsen – Tal, Innenhof, Dorf – und eine Inszenierung, die historische Elemente mit Naturmaterialien und zeitgenössischem Design verbindet. Auffällig ist, wie stark die Bäder in der Erzählung auftauchen: teils als eigenständige Wohnräume konzipiert, mit Panoramabadewannen, privaten Saunen oder Hammams. Das ist Luxus, ja, aber auch ein Statement: Regeneration wird hier nicht als Programmpunkt verkauft, sondern als Architekturidee – Wasser als zweite Haut des Hauses.

Ein paar Schritte entfernt liegt zusätzlich ein dreigeschossiges Chalet mit Terrasse, Panoramablick und privatem Garten. Das ist die Fluchtoption für alle, die das Schloss lieber aus sicherer Distanz genießen: die Geschichte als Nachbar, nicht als Mitbewohner.

Spa im Gewölbe und ein Garten als Argument

Das Spa sitzt in den jahrhundertealten Steinmauern – und greift laut Konzept auf Heilkräuterwissen und „die regenerierende Kraft der Berge“ zurück. Der restaurierte Apothekergarten wird als Herzstück der Philosophie beschrieben; ehemalige Klosterzellen dienen nun als Behandlungsräume. Das ist ein heikler Rollenwechsel, weil er Intimität beansprucht, wo früher Rückzug religiös gerahmt war. Gleichzeitig ist es eine der konsequentesten Entscheidungen dieses Projekts: Wenn man schon im Klostergewölbe Wellness anbietet, dann nicht als Neon-Spa mit beliebiger Musik, sondern als Versuch, Stille und Struktur zu übersetzen, ohne sie zu parodieren. Draußen ergänzen beheizte Pools den Blick auf die Gipfel – eine Postkarte, die hier immerhin von echtem Stein getragen wird.

Kulinarik als Erzählung – mit Ansage

Zwei Restaurants sind angekündigt, beide unter der Leitung von Alberto Toè (Jg. 1988), der als ehemaliger Creative Director des Mailänder Sternerestaurants Horto vorgestellt wird. Seine Stationen werden als europäischer Parcours beschrieben: Andreas Caminada, Norbert Niederkofler, Martin Berasategui, Pietro Leemann.

Das Fine-Dining-Restaurant im Schloss soll im kommenden Frühjahr eröffnen (laut Ankündigung) und als Hommage an jene gedacht sein, „die Generationen nähren“ – Äbtissinnen und „Mutter Natur“ inklusive. Ein gemeinsamer Tisch, Fermentationen, lokale Zutaten, Brühen, die von ihren Wurzeln erzählen: Das ist eine große Erzählung, fast eine liturgische. Daneben steht die „Stube Badia“ als alltagstauglicher Gegenpol, verteilt auf mehrere historische Räume, mit einer Karte, die den Tag begleitet und regionale Traditionen betont. Wenn das klappt, könnte das Haus kulinarisch tatsächlich mehr sein als eine schöne Hülle: ein Ort, der nicht nur konsumiert, sondern kontextualisiert.

Vor der Tür: Pustertal, Kronplatz, die schnelle Nähe

Castel Badia liegt in St. Lorenzen, wenige Minuten von Bruneck entfernt, am Fuße des Kronplatz/Plan de Corones. Die Lage wird als Tor ins Pustertal erzählt: Waldwege, Seen, Dörfer, Traditionen. Im Winter lockt der Kronplatz mit 120 Kilometern Pisten, Liftanlagen und den Museen Messner Mountain Museum sowie LUMEN; im Sommer werden daraus Radstrecken und Wanderwege. Das alles ist bekanntes Alpen-Repertoire – nur wirkt es hier anders, weil das Haus selbst nicht so tut, als wäre es neu erfunden. Es ist alt. Das spürt man. Und genau daraus zieht das Projekt seine eigentliche Kraft: aus dem Widerstand des Bestands gegen jedes glatte Versprechen.

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