Traubenwirt Brixen: Architektur der leisen Töne

Mit großer handwerklicher Präzision und architektonischer Zurückhaltung wurde das Restaurant Traubenwirt in Brixen subtil erweitert. Das Projekt verbindet historische Substanz mit zeitgenössischer Formensprache – und beweist, dass Architektur auch auf kleinstem Raum eine große Wirkung entfalten kann.
Foto: Jürgen Eheim Foto: Jürgen Eheim
Foto: Jürgen Eheim

In der Brixner Altstadt, dort wo sich unter den Kleinen Lauben Geschichte und Gegenwart die Hand reichen, hat das Restaurant Traubenwirt 2024 eine bemerkenswerte architektonische Erweiterung erfahren. Die Maßnahme ist klein im Maßstab – rund 55 Quadratmeter – und doch groß in Wirkung und Haltung. Nicht die große Geste bestimmt hier den Ton, sondern eine stille Präzision, die sich dem Ort und seiner Geschichte mit Respekt und Raffinesse nähert.

Foto: Jürgen Eheim
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Ein Raum mit Vergangenheit

Das Hauptgebäude selbst erzählt eine lange Geschichte: Errichtet im Jahr 1444, kurz nach einem verheerenden Stadtbrand, steht es als Teil eines gewachsenen Ensembles im historischen Herz von Brixen. Fast 600 Jahre später entschloss sich der Betreiber dazu, das benachbarte Ladengeschäft an der Ecke zur Domgasse in das Restaurant zu integrieren. Ziel war es, nicht nur zusätzlichen Raum zu schaffen, sondern diesen in eine behutsame architektonische Erzählung einzubetten – als Weiterführung, nicht als Bruch.

Foto: Jürgen Eheim
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Die Stube, neu gedacht

Im Zentrum der Neugestaltung stand ein kulturell aufgeladener Raumtypus: die Tiroler Stube. Statt sie museal zu konservieren, interpretierten die Architekten von zerododici architecture ihre Essenz neu – als Ort der Wärme, des Rückzugs und der Geselligkeit.

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Zugleich öffnet sich der Raum heute subtil nach außen: Eine große Fixverglasung zum Straßenraum hin fungiert nicht nur als Schaufenster zur Stadt, sondern auch als Bühne für wechselnde Kunstwerke – ein lebendiger Dialog zwischen Innen und Außen, zwischen Damals und Jetzt.

Die Details als Haltung

Die Verbindung zwischen dem alten Gastraum und dem neuen Bereich erfolgte durch einen gezielten, beinahe chirurgischen Eingriff: Ein Durchbruch durch eine meterstarke, tragende Mauer – statisch anspruchsvoll, gestalterisch eindrucksvoll. Eine vierstufige Messingschwelle markiert den Übergang und lässt diesen fast wie ein architektonisches Zitat erscheinen – ein metallener Akzent, der Materialität mit Bedeutung auflädt.

Im Inneren des neuen Raums: acht Tische, flexibel kombinierbar, eingefasst von einer getäfelten Wandverkleidung aus Nussbaumholz, die nicht nur den Ton der historischen Stube weiterführt, sondern zugleich die Raumakustik auf angenehm zurückhaltende Weise optimiert. Über jedem Tisch schwebt eine individuell justierbare Messingpendelleuchte – leuchtende Schwerkraftzentren, die gleichermaßen Atmosphäre und Funktion strukturieren.

Foto: Jürgen Eheim
Foto: Jürgen Eheim

Architektur mit Haltung

Was hier entstanden ist, ist mehr als ein zusätzlicher Gastraum. Es ist ein räumlicher Kommentar zur Frage, wie Architektur heute auf Bestehendes reagieren kann – ohne es zu überlagern. Die Erweiterung des Traubenwirts versteht sich als leises Weitererzählen, nicht als Neuschreiben. Es ist ein Projekt, das durch Disziplin, Handwerk und Gespür überzeugt – und damit eine Qualität ausstrahlt, die in der heutigen Zeit fast schon anachronistisch wirkt: Beständigkeit.

Foto: Jürgen Eheim
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Zwischen Ost und West

Hinter dem Entwurf steht das Studio zerododici architecture, gegründet 2012 in Tokio, heute mit Standorten in Mailand und Brixen. Die Verbindung westlicher und asiatischer Denkweisen zieht sich wie ein roter Faden durch das Schaffen des Büros. Statt plakative Stilzitate zu bemühen, liegt der Fokus auf dem, was Architektur im Kern sein kann: maßstäblich, sinnlich, funktional. Es geht um Licht, um Material, um die Feinheiten der handwerklichen Ausführung – und darum, Räume zu schaffen, die nicht nur bewohnt, sondern erlebt werden wollen.

Foto: Jürgen Eheim
Foto: Jürgen Eheim

„Welche Räume wollen wir bewohnen?“ – Diese Frage steht am Anfang vieler Projekte des Studios. Die Antwort, so scheint es, liegt nicht in Größe oder Aufsehen, sondern in der Kunst des Maßes.

Design: zerododici architecture, Arch. Achim Reifer
Fertigstellung: 2024
Ort: Brixen, Italy
Größe: ca. 55m²
photos: Jürgen Eheim

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